Internationale Radiobranche versammelt sich in Wien: Österreich gemeinsam mit Europa auf dem Weg zu DAB+

  • Wolfgang Struber, Digitalradio Österreich, betont Notwendigkeit für mehr Programmmöglichkeiten, Förderungen und verbindliche Normen für Empfangsgeräte
  • ORF-Aussage zu DAB+ nicht nachvollziehbar: „Der ORF hat einen gesetzlich verankerten Versorgungsauftrag, der über die Lebenszeit von UKW weit hinausgeht."

 Am 9. und 10. November 2016 versammelte sich die internationale Radiobranche in Wien: Anlass war die Generalversammlung des WorldDAB Forum, des internationalen Branchenverbands für digitalen Rundfunk. Mehr als 200 Teilnehmer – darunter politische Entscheidungsträger, Sendeanstalten und Vertreter der Industrie – diskutierten in Wien die wachsende Dynamik in der Einführung von DAB+ als Digitalfunkstandard in ganz Europa und darüber hinaus.

„Auf der Vollversammlung des WorldDAB Forum in Wien wurde eines deutlich: Rund um Österreich ist Europa auf dem Weg zu Digitalradio DAB+, daran führt kein Weg mehr vorbei. Das Bild, das Vertreter aus Deutschland, Norwegen, Großbritannien oder Frankreich über ihre Fortschritte mit Digitalradio zeichneten, ist für Österreich vor dem Hintergrund der jüngsten Entscheidung der Regulierungsbehörde über eine flächendeckende Ausschreibung von besonderer aktueller Bedeutung", so Wolfgang Struber, Obmann-Stellvertreter des Vereins Digitalradio Österreich, im Rahmen einer Pressekonferenz.

Digitalradio in Österreich befindet sich derzeit im zweiten Pilotjahr, 15 Sender – darunter zwei neue Programme – sind mit an Bord. Der Fokus im laufenden Jahr wird auf die Entwicklung und Erprobung von Daten-Zusatzdiensten sowie Verkehrsinformationen sowie Zivilschutz bzw. Katastrophenwarndienste (EWS) gelegt werden. „Der Blick über die Grenzen, den wir in diesen Tagen gewinnen konnten, zeigt deutlich, dass es kritische Erfolgsfaktoren für Digitalradio gibt: erstens neue und mehr Programmmöglichkeiten für Hörfunkbetreiber, mehr Fördergelder aus dem Digitialisierungsfonds und verbindliche Normen für Radiogeräte und Autoradios", betont Struber die Notwendigkeit für einen aktiven, politischen Gestaltungswillen, wie er in Deutschland, Norwegen oder der Schweiz vorgelebt wird.

Konkret fordert der Verein Digitalradio Österreich für private Hörfunkbetreiber die Möglichkeit von mehr als zwei Programmen pro Veranstalter, für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk – zusätzlich zu den bestehenden nationalen Programmen – maximal zwei weitere bundesweite, nicht regionalisierbare, werbefreie Programme. „Für die Zeit des Simulcasts ist zudem eine Erhöhung der Dotierung des Digitalisierungsfonds von derzeit 500.000 auf 1,2 Mio. Euro pro Jahr sinnvoll", so Struber.

Die jüngste Aussage von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz ist für Struber nicht nachvollziehbar: „Die ganze Welt zeigt uns an diesen zwei Tagen, wie die Zukunft von Hörfunk nach der Ära von UKW aussehen wird, auch die in der European Broadcasting Union (EBU) vereinten öffentlich-rechtlichen und privaten Hörfunkanstalten, allen voran die BBC, setzen auf DAB+. Der ORF hat zudem einen gesetzlich verankerten Auftrag, der die Versorgungssicherheit mit Rundfunk flächendeckend und auch im Sinne des Zivilschutzes gewährleisten muss. Dieser Auftrag geht weit über die technologische Lebenszeit von UKW hinaus. Es ist also zu hinterfragen, in welcher Form der ORF den Österreichern in Zukunft eine kosteneffiziente, zukunftsfähige Hörfunkinfrastruktur bereitstellen wird."

Immerhin agiert der ORF am Hörermarkt mit rund 70 Prozent Marktanteil, ist mit seiner Beteiligung am Sendernetzbetrieb (ORS) marktbeherrschend und mit finanziellen Mitteln von rund 600 Mio. Euro aus GIS-Gebühren ausgestattet. Zusätzlich fordert der ORF eine Erhöhung der GIS-Gebühren zusätzlich um rund 60 Mio. Euro, die die Konsumenten zu tragen hätten. „Unter diesen Gesichtspunkten ist eine aktive Mitgestaltung am Sendernetz und den Hörfunkprogrammen in der digitalen Terrestrik dem ORF zumutbar“, so Struber weiter. „In diesem Zusammenhang muss man jedoch hinterfragen, wie Wrabetz für den ORF einerseits die Meinung vertreten kann, dass es für Hörerinnen und Hörer nicht zumutbar sei, sich neue, kostengünstige DAB+ Empfangsgeräte für neue Hörfunkangebote anzuschaffen, aber andererseits die Zukunftsperspektive für Hörfunk in der Nutzung von Amazon Echo sieht, die rund 180 Euro pro Gerät kosten.“

Struber: „Hier wird disruptive Silicon-Valley-Technologie mit unsicherer Internetnutzung via USA gegenüber europäischer Technologie der Vorzug gegeben – ungeachtet davon, dass sowohl Konsumenten als auch Broadcastern für die Verbreitung und den Empfang Kosten entstehen. Nur mit dem Hintergedanken, die marktbeherrschende Stellung der gebührenfinanzierten ORF-Radioprogramme nicht zu gefährden? Hörfunk benötigt eine zukunftssichere, eigene digital-terrestrische Verbreitung. Für ein tragfähiges Ökosystem ist der Gesetzgeber gemeinsam mit den öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern gefordert."

Graham Dixon, Head of Radio in der European Broadcasting Union (EBU), umreißt die europäische Linie: „Radio ist in ganz Europa ein unglaublich erfolgreiches Medium. Aber UKW ist wie ein Gefängnis, es verhindert die Entwicklung der Mediengattung Radio. Die Frequenzen sind belegt, es entstehen keine neue Ideen, keine neuen Programme. Die drei größten Vorteile von DAB+ hingegen ermöglichen eine marktfreundliche Umgebung: mehr Vielfalt, mehr Dienste, mehr Innovation. Gehen wir nicht vorwärts, gehen wir rückwärts. In einer neuen, komplexeren und schwierigeren Welt braucht die Gesellschaft einen absolut verlässlichen Rundfunk. DAB+ ist wie eine halbfertige Autobahnbaustelle. Nun ist es Zeit, die Straßen europaweit fertigzubauen."

WorldDAB-Präsident Patrick Hannon schlägt in dieselbe Kerbe: „UKW ist voll. Wenn wir Innovationen möchten, müssen wir etwas Neues machen. Blickt man auf Europa, sehen wir die Digitalradio-Welle in Bewegung, wenn auch langsam und zu fragmentiert. Mit dem Start von DAB+ in Deutschland 2011 hat die Entwicklung allerdings Fahrt aufgenommen. Notwendig ist die Zusammenarbeit von öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunksender. Dann profitieren Hörer von mehr Vielfalt und mehr Innovation: In entwickelten DAB-Ländern gibt es bereits fünf Mal mehr Programme als zuvor."

„In Deutschland sind 19 Prozent der verkauften Geräte bereits DAB+ fähig, in Bayern sogar 40 Prozent", berichtet Helwin Lesch, Leiter Planung und Technik, Bayrischer Rundfunk (BR), aus Deutschland. „Digitalradio ist im Markt angekommen und hat eine nennenswerte, vermarktbare Reichweite erreicht. Ein Beispiel ist BR Heimat, ein Spartensender für Volks- und Blasmusik, der täglich 300.000 Hörer erreicht. Derzeit arbeitet Deutschland an einer Roadmap für den Übergang von analog zu digital. Laut einer Einschätzung der ARD erreicht die Netzabdeckung die Mindestversorgung bereits im Jahr 2019."